Liebe K.innen, liebe K.s, liebe Schweizerinnen, liebe Schweizer, sehr verehrte Anwesende



Ich danke Ihnen für die Einladung, hier bei Ihnen am 1. August reden zu dürfen. Sie wollten einmal etwas anderes, einmal keinen Politiker – ich werde dennoch, dafür nur kurz, am Schlusse meiner 10 Minuten, etwas Politisches sagen.

Es ist, zu meiner Schande muss ich das gestehen – denn es ist nichts Löbliches 1. August Redner zu sein! –, nicht meine erste 1. August Ansprache. Die erste liegt aber etwa 20 Jahre zurück. – Die vorherigen 19 Jahre meines Lebens, bis zu meiner ersten 1.-August-Rede, war ich zu dieser Jahreszeit nie in der Schweiz gewesen. Jahr für Jahr verbrachte ich die Sommerferien mit meinen Eltern in Süditalien, im Hinterland von Neapel – und Jahr für Jahr stellte ich mir vor, was für ein grossartiges Fest in der Schweiz am 1. August steigen würde. Steigen im wörtlichen Sinne: damals durfte, Sie erinnern sich, in der Schweiz nur am 1. August Feuerwerke gezündet werden. In den Regalen der Grossverteiler standen die Raketen und Zuckerhüte seit Anfang Juli stapelweise zum Verkauf, dekoriert mit den entsprechenden Warnschildern und Sicherheitshinweisen und dem eindringlichen Verbot, sie unter keinen Umständen vor oder nach dem 1. August abzufeuern. Magisch zogen mich diese Feuerwerkskörper an – und wenn wir zurückgekehrt waren, Mitte August, waren sie alle weg, oder, wie ich mir vorstellte, im Schweizer Himmel zwischen Genf und Romanshorn, Basel und Chiasso verglüht. Was für eine Nacht heute, dachte ich jeweils melancholisch in Italien, in der ganzen Schweiz ein Fest und hier ist nichts, nichts los, ein Tag wie jeder andere. Meine Verwandten in Italien wussten nicht einmal, was der 1. August ist (das ist kein Vorwurf an meine Verwandtschaft – oder wissen Sie, wann der italienische Nationalfeiertag ist?) – und dass ich stets das Gefühl hatte, etwas zu verpassen, das verstanden sie auch nicht. (Das war in meiner Kindheit oft so: Wenn ich in der Schweiz war, hatte ich das Gefühl etwas zu verpassen, weil ich nicht in Italien war - und umgekehrt.)

Dann blieb ich also das erste Mal, mit 19, extra an einem 1. August in der Schweiz. Man fand – in einer solothurnischen Gemeinde, die durch einen sehr hohen Anteil ausländischer Bevölkerung geprägt ist - es originell, einen jungen Ausländer der 2. Generation als 1.-August-Redner einzuladen – und ich fühlte mich moralisch verpflichtet, die Einladung anzunehmen. Ich hielt auf dem Festareal, dem Schulhausplatz, vor etwa 30 Menschen, eine massvolle Rede. Ich wiederholte sinngemäss 15 Minuten lang den Grundsatz: wenn wir Ausländer uns Mühe geben und ihr Schweizer euch Mühe gebt, dann kommt das schon gut.
Ich war nicht ehrlich. Ich sprach nicht an, was ich wirklich fühlte, dass ich es nämlich eine Frechheit fand, als einer – der hier geboren war, hier die Schulen besucht hatte, hier eine Ausbildung absolvieren würde – am 1. August als Ausländer zu den Schweizern zu reden. Was war ich denn, wenn nicht, zumindest auch, Schweizer?
Kurzum: meine Rede hinterliess nicht nur bei mir ein schales Gefühl. Auch das versprengte Grüppchen, das erschienen war, wird sich wohl gefragt haben, warum am 1. August Selbstverständliches als Patriotisch ausgegeben wird, selbst von einem Ausländer. Zwiespältig war auch der weitere Verlauf des Anlasses. Nach dem Festakt war Feiern angesagt. Aber auch die Gratiswurst, die allen Besuchern versprochen war und die der Schulhausabwart für die Zeit nach meiner Ansprache gut gegrillt bereithielt, hatte niemanden zusätzlich anzulocken vermocht.
Nach der Wurst kam das enttäuschendste: das Feuerwerk. Es gab nämlich gar keins! Es werde ja schon genug geballert, meinte der Vizegemeindeammann. Anstelle hatte der Unteroffiziersverein überschüssiges Holz aus dem Bürgergemeindewald zu einem Haufen zusammengetragen. Das 1.-August-Feuer wollte zuerst gar nicht brennen; dann aber plötzlich schnellten die Flammen lichterloh in die Höhe, die Stämme brachen, der Haufen fiel berstend und Funkend sprühend in sich zusammen und bald glomm der Stapel wie ein grosser Grill, nur ab und zu züngelte eine letzte Flamme in die Nacht - eher ein symbolisches, denn ein spektakuläres Schauspiel, wie mir schien.
Der Vizegemeindeammann hatte im übrigen Recht. Es knallte die halbe Nacht, aber ein richtiges Feuerwerk war keines zu sehen. Das verschlafendste Bergdorf im entlegendsten Winkel Süditaliens feiert ihren Dorfheiligen mit prächtigeren Umzügen, bunteren Jahrmärkten, kostspieligeren Feuerwerken als die Schweiz ihren Geburtstag. Das war nun der wahre 1. August, sagte ich mir, dazu verknurrte Behördenmitglieder oder eifrige Unteroffiziersvereine veranstalten lustlos und förmlich eine peinliche Pflichtübung. Ich war sehr, sehr enttäuscht. Jahrelang hatte ich falsche Vorstellungen vom 1. August gehabt.
(Seit einigen Jahren ist der der 1. August ja ein Feiertag. Ich bin überzeugt, wenn man mit der Einführung dieses Feiertages auch die Präsenzpflicht an einer 1.-Augustfeier verbunden hätte, die Vorlage wäre nicht angenommen worden, lieber würden die Schweizerinnen und Schweizer einen Tag mehr arbeiten.)

So war das vor 20 Jahren. Feiert die Schweiz heute ihren Geburtstag mit mehr Begeisterung?
Nein. Geburtstage feiert man hierzulande sowieso nicht besonders gern. Was gibt es an einem Geburtstag zu feiern? Dass man wieder ein Jahr älter geworden ist? Sich selbst feiern zu lassen, gilt als eitel und prahlerisch – und das tut man ja, wenn man zu einem Geburtstagsfest einlädt.
Deshalb sind die Schweizerinnen und Schweizer auch keine Patrioten. Entweder hat man Qualitäten oder man hat sie nicht. Sollen die Amerikaner am 4. und die Franzosen am 14. Juli sich selbst bejubeln! So ein Tamtam mit Paraden und stolzerfüllten Fahnenschwingern, Reden und Schwüren, Treuebekundungen und Opferbereitschaft fürs Vaterland - das brauchen und wollen die Menschen in der Schweiz nicht.
Denn die meisten Bewohner dieses Landes wissen, dass sie hier leben, weil sie hier geboren wurden und nicht weil sie nach reiflicher Überlegung, nachdem sie alle Länder dieser Erde durchstreift hatten, endlich in der Schweiz zu bleiben sich entschlossen. Ihre Liebe zu diesem Land kommt daher, dass sie hier aufgewachsen sind, in Morbio wie in Dagmarsellen, in Herisau oder in Morges. Sie haben sich an dieses Land gewöhnt, im Guten und im Schlechten.
Die Schweiz ist ein Teil von uns, und wir sind ein Teil der Schweiz. Und wir alle zusammen sind die Schweiz. – Oder fast: ich spreche von den vielen Ausländerinnen und Ausländern, die hier in der Schweiz leben. Auch sie gehören dazu. Über eine Gruppe Ausländer, zu der auch ich gehöre, werden wir bald an der Urne befinden: am 26. September werden wir über die erleichterte Einbürgerung der zweiten Generation abstimmen.
Ich selber bin vor acht Jahren Doppelbürger geworden – ich habe Tausende von Franken für die Einbürgerung in ein Land bezahlt, in dem ich mein ganzes bisheriges Leben verbracht habe - um Militärpflichtig zu werden und an Abstimmung und Wahlen teilnehmen zu dürfen. Meine italienischen Freunde, die fanden, ich sei verrückt (was kann ein EU-Bürger heutzutage gewinnen, wenn er Schweizer wird? fragten sie), habe ich geantwortet: Ich habe es aus Verbundenheit, aus Solidarität getan und wahre Solidarität ist nie gratis. Aber eigentlich haben mein Bruder und meine Schwester, die sich nicht oder noch nicht haben einbürgern lassen, Recht. Es ist an der Schweiz einen Schritt in Richtung Secondos zu tun.
Ich bin hierher nach K., ins solothurnischen Gäu, wo die Vorlage wohl nicht leichtes Spiel haben wird, gekommen, um Sie zu bitten: Stimmen Sie ja. Geben Sie den jugendlichen Ausländern, die hier geboren wurden, die Möglichkeit, sich leichter einzubürgern. Wer hier geboren ist und alle Schulen hier absolviert hat, ist kein Ausländer mehr – wo wäre denn seine Heimat, wenn nicht hier, in der Schweiz? Das ist leider keine Selbstverständlichkeit und muss am 1. August gesagt sein. Ich wünsche Ihnen ein ausgelassenes Fest und prächtige Feuerwerke.