5. Mein armes Geld
Ausschnitt aus Kapitel 44
Vater war im Schuppen. Darin war es so dunkel, dass er Licht gemacht hatte. Er
war dabei, etwas zu lackieren. Nein, Beize war es, roch ich. Ich sah den
Holztrog, in dem er sonst das Heu für die Kaninchen aufbewahrte. „Was machst du
denn hier“, fragte er, während er kurz von seiner Arbeit aufschaute.
„Dich etwas fragen, professore“, sagte ich und fasste ihn zum Gruß an den
Schultern.
„Spotte nur – möchte wissen, wer dich auf den Arm nimmt, wenn du alt bist.“
Ich fragte, was er da tue. Er baue einen neuen Kaninchenstall. Aber das zu
erfahren, sei ich ja wohl nicht gekommen.
Ich fragte ihn, ob er sich an das Jahr 1967 erinnern könne, Januar 1967. Er
dachte nach und sagte, ja sehr gut, da habe er bei Lustiger auf dem Bau
gearbeitet. Er wisse noch genau, es sei das erste Jahr gewesen, dass er nicht
mehr Saisonarbeiter gewesen sei und das ganze Jahr habe in der Schweiz bleiben
dürfen. Im Winter hätten sie Einfamilienhäuser in Langenmatt gebaut und es sei
so kalt gewesen, dass er geglaubt habe, die Finger würden ihm abfrieren.
Mutter hatte Recht, Vater konnte sowohl das eigene Leben wie gesellschaftliche
Ereignisse besser in Erinnerung behalten. Ich gewann an Zuversicht. „Und an das
Festival von Sanremo in jenem Jahr, kannst du dich daran erinnern?“
Er zuckte mit der Schulter. Man habe es sich sicherlich angehört.
Ich erzählte, schon fast euphorisch, von Luigi Mai und von Ciao amore, ciao.
Aber Vater schüttelte den Kopf, an ihn oder an dieses Lied konnte er sich nicht
erinnern.
Ich verstummte, ich war enttäuscht.
Vater lackierte in Ruhe weiter. Ich sah, wie der Pinsel geäderte Striche auf dem
Holz hinterließ.
„Vater“, fragte ich, als würde es jetzt sehr ernst, „ich möchte etwas verstehen
und du sollst mir helfen: Warum kannst weder du noch die Mutter sich daran
erinnern, obwohl ihr das Festival gehört habt. Ich meine, wenn einer im Radio
ein Lied über die eigene Situation singt. Wenn einer versucht, in Worte zu
fassen, was ihr hier im Ausland erleidet, um dafür in Italien ein Bewusstsein zu
schaffen – und nicht einmal ihr, die Betroffenen selber, merkt es. Da musste er
ja scheitern, durch und durch.“ Ich war etwas ins Stottern geraten und anklagend
geworden.
Vater schwieg. Er drehte das Gefäß um, stellte es auf die Kante, tauchte den
Pinsel in die Beize.
„Wie hieß das Lied?“, fragte er nach, als wollte er nochmals nachdenken.
Ich wiederholte den Namen.
Er hielt einen Moment inne, hob den Kopf und schüttelte ihn wieder.
Ich seufzte.
Nach einer Weile sagte er, um sich zu erklären: „Dass ein Sänger in Sanremo über
Emigranten singt, damit hat damals sicher niemand gerechnet. Deshalb überrascht
es mich auch nicht, dass keiner es gemerkt hat. Ich habe jedenfalls nie davon
gehört und ich kann, ehrlich gesagt, auch fast nicht glauben, dass das einer
getan haben soll. – Hat sich das Lied denn verkauft?“
„Und wie, Gigi Mai beging nämlich am selben Abend Selbstmord.“
Diesen Umstand hatte ich noch nicht erwähnt, merkte ich, denn Vater sagte
sogleich: „Ach so, dieses Lied meinst du! Das hat natürlich Schlagzeilen
gemacht. Daran kann ich mich gut erinnern. Dann ist der Mai der, der mit Iolanda
aufgetreten ist.“
Ich nickte.
„Iolanda ist Italienerin, eine Kalabresin, wusstest du das?“, fragte Vater im
Tone eines Lehrers, der auf einen wichtigen Umstand hinweist.
„Natürlich“, sagte ich, „um sie geht es mir ja.“
Über Iolanda wusste Vater freilich viel. Sie war in seinen Augen eine
bewundernswerte Künstlerin. Er rechnete ihr hoch an, dass sie nach jenen
Ereignissen kaum mehr nach Italien zurückgekehrt sei, aber weiterhin Lieder auf
Italienisch aufgenommen habe, für diejenigen Italiener, die überall auf der Welt
lebten.
Ich erzählte, dass ich in ihrem Geburtsort in Ägypten und in ihrem Heimatdorf in
Kalabrien gewesen sei.
Vater hörte zu und schüttelte immer wieder den Kopf. „Ich wüsste dir etwas viel
Besseres,“ sagte er endlich. Der Trog war angestrichen, Vater stellte ihn zum
Trocknen auf ein Gitter. „Schließlich bist du aus Montalto bei Neapel und warum
kümmerst du dich da um eine Kalabresin?“
„Warum nicht?“, sagte ich.
„Weil ich da etwas für dich hätte, was dich noch viel mehr interessieren
müsste.“
Ich war etwas irritiert, ja verstimmt. Mehr noch aber war ich enttäuscht, er
wusste stets etwas Besseres. Bedächtig reinigte er seine Händemit einem in
Alkohol getränkten Lappen. Er fragte: „Gefällt dir der neue Kaninchenstall?“
Ich schaute ihn mir lange, ausführlich in jede Ecke leuchtend, an. Die Kaninchen
waren draußen im kleinen Gehege hinter dem Schuppen. Sie spitzten die Ohren und
schauten treuherzig. Es fällt ihm schwer, sie zu schlachten, aber er tut es, und
mir macht es nichts aus, davon zu essen, denn mein Vater ist gut zu ihnen.
Dann war er endlich soweit und führte mich ins Haus, in den Keller, wo er eine
Art Büro unterhält. Dort ist es stets kühl. Ein Tisch steht darin, ein Diwan und
ein altes, nicht sehr schönes Buffet. Zuerst musste er seine Brille in der
Schublade suchen. Er zog die klobige Brille heraus und setzte sie auf. Sie ist
monströs. Sein Betrieb hatte sie ihm, bevor er als unqualifizierter Ausländer in
Frührente geschickt worden war, als Schutz vor Funken abgegeben und sie diente
ihm nun als Lesebrille.
Dann zog er aus einer Schublade einen Stapel Zeitungen. Er blätterte ein paar
durch. „Du wirst staunen“, sagte er.
Es waren Ausgaben des Giornale di Montalto, der Zeitung aus dem Heimatdorf. Sie
erscheint vier Mal im Jahr auf plastifiziertem Papier, ein gefalteter Bogen,
vier Seiten stark. Die Auflage, las ich, war zweihundert Stück, davon gingen
vierzig an Abonnenten in Norditalien und in alle Welt, denen die Zeitung
zugeschickt wurde. Die Abonnenten waren unterhalb des Impressums namentlich
aufgelistet. Adressen in den USA, in Kanada, Argentinien, Deutschland standen
da. Die Eltern waren nicht die einzigen Abonnenten aus der Schweiz, da war noch
eine Familie in Delémont aufgeführt. Die Zeitung bestand aus amtlichen
Nachrichten. Projekte der Gemeinde, in einem fürchterlichen Bürokratenstil
verfasst, wurden vorgestellt.
Das Interessanteste für die Eltern sind die Todesanzeigen. Die Verstorbenen
kennt man noch am ehesten, wenn man seit so vielen Jahren nicht mehr im Dorf
lebt.
Vater blätterte die Nummern sorgfältig durch. Er ließ mich nur jene anfassen,
die er bereits durchgesehen hatte. Endlich hatte er gefunden, was er suchte.
„Hier“, sagte er, „das solltest du recherchieren.“
Ich nahm das Blatt. In der Mitte war ein Foto zu sehen mit einer ausführlichen
Bildlegende. Ich erkannte sofort, wo das Bild aufgenommen worden war, vor dem
Pagliarone, einer Kneipe in der Nähe des Hauses, das meine Eltern sich in
Montalto erbaut hatten. Auf dem Bild waren sechs Männer zu sehen – die Arme
hatten sie sich gegenseitig über die Schultern gelegt. Zwei erkannte ich, Tonino,
den Wirt, der eigentlich meine Tante Enza hätte heiraten sollen, und links neben
ihm: Anthony Quinn.
„Was macht der denn in Montalto“, fragte ich verblüfft und las: Dieses Bild
werde aus Anlass von Anthony Quinns Tod publiziert. Es sei Anfang Achtzigerjahre
aufgenommen worden während eines Besuches Quinns in Montalto, dem Heimatdorf
seiner Ahnen, die in der Gegend der Vitriera gewohnt hätten.
„Da staunst du“, sagte Vater.
Ich war tatsächlich etwas verwirrt. „Das ist eigenartig“, sagte ich, „ich meine
… interessant … Hast du das gewusst?“
„Ich wusste, dass er Italiener war, aber dass er aus Montalto stammte …“
Ich prüfte das Bild genau, ob es nicht eine Fotomontage war oder ob nicht sonst
ein Betrug dahinter steckte. Aber das waren ohne Zweifel der Pagliarone, Tonino
und Anthony Quinn.
„Und – wirst du ein paar Nachforschungen anstellen? Die Vitriera ist ja gleich
oberhalb des Traccio, wo ich aufgewachsen bin. Quinn ist ja bestimmt ein
Künstlername. Ich wüsste zu gern, wie sie richtig hießen und wann die Vorfahren
ausgewandert sind, und ob er noch regelmäßigen Kontakt zu Montalto hatte.“
Jetzt schüttelte ich heftig den Kopf. „Also, das kommt überhaupt nicht in Frage.
Ich habe dafür keine Zeit. Warum sagst du mir solche Sachen immer erst, wenn es
zu spät ist?“
„Du fragst mich ja auch immer zuletzt.“
Ich schaute meinen Vater an. Mit dieser Schutzbrille sah er zum Schreien aus. Er
nahm sie lächelnd ab. Einen Moment hielt er inne und schlug dann das Kreuz. Ich
lächelte auch und sagte, bevor er es sagen würde: „Poveri soldi miei.“