2. Ausschnitt aus dem 8. Kapitel

Iolanda in Schubra

Bruno hockte vor dem Radiogerät und versuchte den Empfang zu regulieren, Iolanda rutschte aufgeregt auf einem Sessel hin und her, als müsse sie gleich auftreten. Das Lied Grazie dei fiori wurde angekündigt. Es habe soeben das neu gegründete Liederfestival von Sanremo gewonnen, sagte die Moderatorenstimme.
Iolanda schaute ihren Bruder an: „Dieses Festival werde ich auch einmal gewinnen.“ Sie sagte es mit einer Selbstverständlichkeit, wie man etwa sagt: Morgen wird es schönes Wetter geben oder: Die Pyramiden sind ein Weltwunder.
„Willst du nicht Schauspielerin werden?“
„Doch, aber die Zeit der Stummfilme ist vorbei. Schauspielerinnen haben Stimmen, sie reden und singen.“
„Dann musst du nach Italien“.
„Oh ja, ich werde in Italien singen und auftreten, und alle Italiener hier in Schubra werden mich am Radio hören.“
Iolanda schnappte die Melodie und ein paar Worte auf. Sie schaltete das Radio aus und zusammen mit ihrem jüngeren Bruder – dem einzigen, der keinen Grund sah, der Schwester nicht zu glauben – stellten sie sich vor, wie Pizzanilla (oder wie hieß sie?) auf der Bühne des Kasinos von Sanremo aufgetreten war. Iolanda hatte keine Ahnung, wie sie sich Sanremo, das Kasino, Pizzanilla vorstellen musste. Das war auch nicht nötig. Sie sah sich selbst auf der Bühne der Oper von Kairo: vor sich, wie durch einen Filter das gedämpft applaudierende Publikum. Sie sah sich von Fotografen umringt, in die Kameras lächelnd. Dann wurde die Siegerin aufgefordert, nochmals das Siegerlied zu interpretieren. Iolanda führte dem Bruder die möglichen Posen vor und trällerte dazu das Lied – alles unter dessen strenger Aufsicht. „Wenn du Schauspielerin wirst, werde ich dein Regisseur“, sagte Bruno.