3. Ausschnitt aus dem 10. Kapitel

Iolanda in Paris

Es ist der 25. Dezember, als das Mädchen, nun eine junge Frau, in Paris landet. Es schneit und die Weihnachtsbeleuchtung glitzert. Sie hat noch nie Schnee und noch nie so viele Lichter gesehen. Hier sieht man keine Esel, keine Schafherden werden durch die Gassen getrieben. Was erzählt Großonkel Duse von den Serrastrettanern, die Kairo betraten? Saltare cent’anni in un giorno solo. So kann auch die junge Frau denken: ich übersprang hundert Jahre an einem einzigen Tag.

Die Versprechungen, die man ihr gemacht hat, sind wie Schneeflocken, die schmelzen, sobald man sie fassen will. Der französische Regisseur kümmert sich nicht um sie. Die Adresse,, die er ihr hinterlassen hat, Rue des Etoiles, gibt es nicht. Ihr Agent bringt sie in einer Pension unter und lässt sie dort wochenlang warten. Er hat, erweist sich rasch, kaum Beziehungen und keinerlei Einfluss in der Branche. Nicht die schäbigste Nebenrolle kann er ihr vermitteln. Paris ist voller schöner, junger, talentierter Mädchen. Die junge Frau hat einen Brustumfang von 95 und eine Taille von 52 Zentimeter vorzuführen, sie hat zwei ägyptische Schönheitstitel gewonnen und einige Rollen in ägyptischen Filmen gespielt – in Paris gibt es Dutzende Frauen, die solche Maße und weit bedeutendere Erfolge vorzuweisen haben. Obwohl die junge Frau monatelang auf den Fluren der Filmstudios ihre hohen Absätze klappern lässt, bekommt sie kein einziges Engagement. Der Mutter schreibt sie heitere Briefe voller Zuversicht über die beruflichen Möglichkeiten, die eine Stadt wie Paris biete. Der Agent schiebt die Schuld für die anhaltende Flaute ihrem ungehobelten Auftreten zu. Er kündigt ihre Pension und steckt sie in ein billiges Mansardenzimmer. Ihrer Mutter schreibt die junge Frau darauf, dass sie nun ganz nahe der berühmtesten Straße der Welt, den Champs d’Elysées, wohne.

Der Agent beklagt sich bei jeder Gelegenheit darüber, dass sie ihm nur Kosten und Scherereien mache. Er möchte die junge Frau nach Kairo zurückzuschicken.
Dem Regisseur ist die Sache unangenehm, schließlich hat er den Kontakt vermittelt. Er erinnert sich, dass die junge Frau in seinem Film getanzt und gesungen hat. Darin habe sie einiges Talent. Er empfiehlt der jungen Frau Gesangsstunden zu bezahlen. „Sie ist gut, du wirst mit ihr noch viel Geld machen.“
Der Agent gibt ihr diese letzte Chance. Noch ein halbes Jahr, dann sei endgültig Schluss. Die junge Frau ist einverstanden. Sie muss Zeit gewinnen. Außerdem sind die Tage lang; nichts zu tun außer Schuhe klappern. Singen, ja! Tanzen – alles! (außer Stepptanz!)