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Ausschnitt aus Kapitel 39
In Sanremo
Die Bar war leer. Der Barmann schaute erstaunt auf, als ich mich auf einen
Hocker setzte, und noch mehr, als ich Birnenschnaps verlangte. Es gab keinen. Er
zählte mir sämtliche Alkoholika auf, die er zu bieten hatte. Ich winkte ab und
bestellte zwei Kaffee nacheinander. Dann drehte ich mich zur ehemaligen Bühne um
und versuchte zu vergessen, dass ich gespielt und verloren hatte.
Sämtliche Aufnahmen des Festivals von Sanremo 1967 waren aus den Archiven der
Rai verschwunden. Die Beschreibungen stimmten aber darin überein, dass Iolanda
wie ein Mädchen vom Lande im schäbigen Alltagskleid gewirkt habe. Ich stellte
sie mir anrührend wie Paulette Goddard in Chaplins Modern Times vor. Ja, dachte
ich, so musste man Ciao amore, ciao darstellen: der Mensch in seiner ganzen
Machtlosigkeit, den Gesetzen der industriellen Welt ausgeliefert.
Aus meiner Plastiktüte fischte ich meinen Discman, setzte die Kopfhörer auf und
drehte die Lautstärke auf.
Die Musik übertönte alle Geräusche des Spielautomatensaales. Es war eine
Liveaufnahme aus den Siebzigerjahren von Ciao amore, ciao, die erst nach
Iolandas Tod veröffentlicht worden war. Genau so muss das Lied hier in diesem
Saal geklungen haben. Und ich stellte mir vor, ein Juror des Festivals von
Sanremo 1967 zu sein.
Iolandas Stimme ist kraftvoll und leidenschaftlich. Je länger sie singt, desto
überzeugender wirkt das Lied. Sie hält das Gleichgewicht zwischen innerer
Bewegung und Ausdruck. Sie ist fähig, die Intensität zu steigern, von Strophe zu
Refrain und selbst vom ersten Refrain zum zweiten.
Nein, dachte ich schließlich, das ist es nicht. Sie war mehr als die
Interpretin, sie wusste, wovon sie sang. Sie war in Ägypten aufgewachsen als
Italienerin, sie lebte in Frankreich als Exotin, sie war nach Sanremo eingeladen
worden als Ausländerin. Eine bessere Partnerin hätte es für Luigi nicht geben
können. Zum ersten Mal wurde aus Sanremo ein Lied mit einer politischen Aussage
in die Wohnzimmer der Italiener getragen. Zum ersten Mal war von den Verlierern
und von den Ausgebeuteten die Rede, die in den Wirtschaftsmetropolen des Nordens
ein Auskommen suchten und auf Ablehnung und Hass stießen. Das erste Lied, das
von Sanremo aus die Welt hätte verändern sollen.
Als ich im Spiegel hinter der Theke mein enttäuschtes Gesicht entdeckte, verzog
ich es zu einer Grimasse.