1. Anfang

Werktags sitze ich jeden Abend mit meiner Mutter vor dem Radio. Die Mutter macht Heimarbeit und ich muss, nach dem Abendessen, helfen. Die jüngeren Geschwister sind im Bett, Vater arbeitet Schicht. Mutter und ich montieren Kugellager, im Radio wird das Festival von Sanremo übertragen. Meine Mutter hört nie recht hin und kann sich daher auch kaum an Namen erinnern. Ich fiebere während der Ausscheidungsabende mit jenen Interpreten mit, die ich als Sieger wähne.
Für das Finale am Samstagabend versammeln sich alle vor dem Radio: die Heimarbeit ruht, Vater döst mit verschränkten Armen im Sessel. Mutter blättert in einer Zeitschrift und fragt von Zeit zu Zeit, wer gerade am Singen sei. Die Kleinen turnen auf dem Sofa herum, aus Übermut und gegen die Müdigkeit ankämpfend, weil sie ausnahmsweise länger aufbleiben dürfen. Ich, der einzige, der zuhört, befürchte, wieder nicht auf den Sieger getippt zu haben, und wechsle meine Favoriten alle Viertelstunde aus.

Die Heimarbeit war eintönig, gesprochen wurde nicht. Der durchdringende Geruch des Kugellagerschmieröls ist fest in mein Gedächtnis eingekerbt. Man bringt ihn, und wenn man sich noch so schrubbt, nicht von der Haut. Im Hintergrund lief stets das Radio. Der Empfang war schlecht, Mittelwelle, ständiges Rauschen, die Lautstärke unkontrollierbar, mal zu laut, meist zu leise. Mutter ließ den Apparat laufen, weil Italienisch gesprochen wurde. Was gesagt oder gesungen wurde, interessierte sie kaum. Ich hingegen hätte ohne die Wörter und Melodien die Eintönigkeit der Arbeit nicht ertragen.
Als Jugendlicher gefiel mir Sanremo nicht mehr. Mutter hatte die Heimarbeit aufgegeben, jetzt wo die Kleinen auch zur Schule gingen, und ging wieder in eine Fabrik arbeiten. Inzwischen empfing man italienisches Fernsehen in der Schweiz und nun schaute man das Festival. Plötzlich war das Dekor wichtig, die Kleider, die Gesten. Auch die Tonqualität war besser geworden. Sanremo war nicht mehr dasselbe. Selten kam es vor, dass ich zu Hause blieb und mich dazusetzte. Ich hielt mich dann mit meinen Kommentaren zurück, um die Einträchtigkeit der Familie nicht zu stören. Sanremo ging mich nichts mehr an.

Nie hätte ich gedacht, dass mich – erwachsen und von zuhause ausgezogen – das Festival von Sanremo je wieder interessieren würde, bis ich 1997 in einer italienischen Wochenzeitung einen erbitterten Leserbrief über eine angebliche Geschmacklosigkeit las. Zum Jubiläum der Ereignisse werde der selbe Moderator wie 1967 das Festival leiten. Und das Motto laute wieder: Comunque vada, sarà un successo – was auch immer geschieht, es wird ein Erfolg sein.