Lust am Schreiben Ein Lesebuch der jungen Generation
«Neue literatur aus der deutschsprachigen Schweiz» verspricht das
Netz-Lesebuch. Eine neue Generation spricht hier, aber keine neue Tradition.
Schreibfreudig und kreativ suchen die NachwuchstaIente nach ihren je eigenen
sprachlichen Ausdrucksformen.
EVA BACHMANN
Netz wurde 1993 als lose Verbindung von jungen. unbekannten Autorinnen und
Autoren aus der Schweiz gegründet. Eine lose Gruppe ist Netz bis heute
geblieben. doch jung und unbekannt sind sie nicht mehr alle. Das Netz-Lesebuch.
zur Frankfurter Buchmesse im eigenen Verlag erschienen. spiegelt diese Situation
innerhalb der Gruppe. Neben Autoren. die sich inzwischen zu Stars
hochgeschrieben haben. sind auch Schreibende vertreten. die noch kein eigenes
Buch publiziert haben.
Lässt sich diese «junge Generation» (zwischen 24 und 44) über einen Kamm
scheren? Natürlich nicht. doch weist der Herausgeber Alexander Simon in seinem
Vorwort auf Verbindendes hin. Die Texte sind nicht im luftleeren Raum produziert
worden. sondern «im anregenden und produktiven Austausch zwischen Aarau. Berlin.
London und Ebnat-Kappel». Netz-Autoren haben sich diese Texte vorgelesen. sie
diskutiert. Einzigartig sind sie dennoch alle. eine Netz-Schule wurde auch mit
diesem Buch nicht begründet. Als Tendenzen wären vielleicht höchstens die Lust
am gedanklichen Fortspinnen von Alltäglichem auszumachen oder auch der kreative
Umgang mit Wörtern.
Bekannte neben Neulingen
Die sicheren Werte für packende Texte in dieser Anthologie sind (natürlich) Ruth
Schweikert. Christoph Keller. Peter Weber. Christian Uetz sowie Silvio Huonder.
Stilistisch an vorhergehende Publikationen schliessen auch Perikles Monioudis.
Gion Mathias Cavelty und Urs Richle an. Doch wie steht es mit den weniger
Bekannten?
Andrea Simmen überschreibt ihren Beitrag «Stante Pede» und führt über vier
Seiten produktiv die vielen Wendungen mit «gehen» zu einer Geschichte zusammen.
Ihre Sprachmanie um das Allerwelts-Wörtchen bleibt bis zuletzt ein spassiges.
nie gezwungenes Spiel. Aglaja Veteranyi erzählt ihre gelungene Zirkusgeschichte
konsequent aus der Sicht eines Kindes. das gerade durch seine Naivität manches
mit erschlagender Präzision kommentiert. Auf das erste Buch dieser 36jährigen
rumänischen Zürcherin darf man nach den Beiträgen in mehreren Anthologien
wirklich gespannt sein.
Von einer neuen Seite präsentiert sich der Solothurner Autor Franco Supino: mit
Kurzgeschichten. In seinen Romanen verwendete er Liedtexte und Märchen. die in
die Handlung eingestreut waren. nun lässt er die kleine Form für sich allein
stehen und gewinnt ihr eine parabelhafte Tiefe ab. Es sind lebensnahe Episoden.
die im Vorbeigehen auch noch von ganz anderem erzählen. Hintergründig ist auch
der Text von Monica Cantieni. An einem etwas abstrusen. durchaus vergnüglichen
Fall setzt sie sich ganz grundsätzlich mit Wahrnehmung und der Konstruktion von
Wirklichkeit auseinander. Ähnlich verfährt Lukas Stuber. der sich das kranke
Gesundheitswesen vorknöpft. dabei aber einmal mehr in phantastische Höhen
abhebt.
Daneben enthält das Lesebuch auch weniger zugängliche Beiträge. Assoziativ bis'
zum Auseinanderbrechen sind zum Beispiel die Texte von Ingrid Fichtner oder
Felix Kauf. mit Metaphern überladen ist die Geschichte von Michel Mettler. schon
etwas abgedroschen die Schaufenster-geschichte von Plinio Bachmann. Trotzdem.
das Netz-Lesebuch ist unter den vielen Anthologien. die diesen Herbst erschienen
sind. eine der wichtigsten. Weil sie nur bisher unveröffentlichte Texte enthält.
Und weil sie mit einer grossen Zahl wirklich gelungener Texte Leselust auf die
Bücher dieser «neuen» Autoren weckt.
Das Netz-Lesebuch. Neue Literatur aus der deutschsprachigen Schweiz.
Herausgegeben von Alexander Simon. Netz Press. 1998. 206 Seiten, 24.80 Fr.