Franco Supino: Mit Cantautori der seconda generazione auf der Spur

 

Mit «Musica leggera» legt Franco Supino seinen Roman-Erstling vor. Darin nimmt er sich der Jugend der seconda generazione an, die zwischen dem Lebensgefühl ihrer Generation und der Welt italienischer Einwanderereltern hin- und hergerissen sind.

Urs W Scheidegger

 

«Eine Frau ist auf der Welt, um Kinder zu haben. Eine Frau ohne Kinder ist nichts. Ein Mann ist auf der Welt, um die Familie zu ernähren. Ein Mann ohne Familie ist nichts.»

Das sind die klaren Vorstellungen, mit denen Mütter der ersten Immi­granten-Generation ihre Töchter und Söhne aufs Leben vorzubereiten pflegten. Der 1965 in Solothurn geborene Franco Supino bekommt als Kantonsschüler auch anderes mit am Jurasüdfluss. Der Sohn eines Sizilianers fasst in einer Welt Fuß, in der die Gegensätze auf die unverträglichste Weise zusammenleben und deshalb ihre Kanten haben. Er lebt Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre in einer Dogmenfeindlichkeit auf, die sich ganz und gar abhebt von der traditionalistischen Erziehung, der auch andere Jugendliche der seconda genera­zione unterworfen sind. Generationenübergreifende Friktionspunkte bietet allein schon die Sprache: «So gut wie die Schweizer Hochdeutsch reden, sprachen die Italiener früher Italienisch. Marias Eltern zum Beispiel kein Wort. Sie reden Dialekt, denselben wie meine Eltern. Unsere Eltern reden wie wir Neapolitanisch. Marias Vater kann es aufs Blut nicht ausstehen, wenn in seiner Gegenwart Italienisch gesprochen wird. <A casa mia s'adda parla a lingua mia>, brummt er, wenn er mich und Maria oder mich und ihre Brüder, Pippo oder Enzo, dabei erwischt. Dann lieber Deutsch. Also sprechen wir meist Deutsch in seiner Anwesenheit.»

Mit einer vermeintlich geradezu monoton anmutenden Ausschließlichkeit beherrscht das Motiv der Liebe (gelegentlich der erfüllten, zumeist aber der unerfüllten Liebe) den Erzählfluss, der sich seinerseits an der Musica leggera, an der Musik der italienischen Cantautori, orientiert.

Supino sieht in der Lebensart am Ju­rasüdfuss und in der Musica leggera die grossen Objektivationen, die Leitplanken seines Empfindens. Er findet in den Liedern von Lucio Dalla, Gianna Nannini oder Fabrizio de Andre den Herzschlag wieder: düstere Heiterkeit und närrische Vernunft. Dass er nicht ausschließlich an die Rauhheit des All­tagslebens anknüpft, sondern sich an die geglätteten Liedfassungen von Toto Cutugno, Pino Daniele, Edoardo Bennato, Francesco de Gregori oder Adriano Celentano anlehnt, gibt dem Buch das hohe Mass an Eingänglichkeit, eine zuweilen die Sentimentalität streifende

Eingänglichkeit. Immer wieder sind Gefühle und Situationen allgemeinster Erfahrbarkeit Gegenstand seines Buches, zu dem Peter Bichsel ein Begleitwort geschrieben hat. Supino wirkt aber in die kunstvoll komponierte Form Elemente der Distanzierung und Desillusion hinein, leichte Brüche, die das Buch auch für ein Publikum annehmbar machen, das die Empfindungen der Cantautori und dessen Hörer nicht nachzuvollziehen vermag. In welchem Masse sich Supinos Prosa sowohl mit. dem Feuilletonistischen verbündet wie sich von ihm distanziert, zeigen auch seine bilingualen Einschübe, espritvolle Episoden über gesellschaftlich-gesellige Ereignisse, in denen Vordergründiges persifliert wird.

 

Heimat mehrfach haben

Über Heimatlosigkeit könnte man seine Erscheinung begreifen. Aber Supinos Heimatlosigkeit ist nicht die des Entwurzelten oder des Wurzellosen. Nicht an einem Mangel an Heimat lei­det er; sein Fluch und sein Glück ist es, Heimat mehrfach zu haben, mit der ei­nen verbunden zu bleiben und doch in eine andere hineinzuwachsen. «10 non venietti a Svizzera, pe 'm 'mpara' a lingua, io venietti pe' lavora'.» - Er sei nicht in die Schweiz gekommen, um hier einen Sprachaufenthalt zu ma­chen, er sei gekommen, um zu arbei­ten, sagt der Vater des Erzählers. An­ders Franco Supino, der nach dem Studium der Germanistik und Roma­nistik in Zürich und Florenz heute als

Lehrer und Schriftsteller in Solothurn,

lebt. Sein Plädoyer für die Rehabilitierung des Immigrantentums ist kein Salto mortale in die Vergötzung der hiesigen Lebensumstände, keine Verketzerung der biologischen Abstammung, wohl aber ein Ruf nach seiner Versöhnung mit den Umständen, nach Reinkarnation des Geistes in seinem leiblich-sozialen Zusammenhang.
 

Franco Supino, Musica leggera, Rotpunkt

verlag Zürich, 176 Seiten, 32 Fr.

 

 

Solothurner Zeitung  4.11.1995