Hier schreibt einer. Das klingt banal und das scheint selbstverständlich, es ist es nicht. Supino ist ein Buch gelungen, das schon Hunderte vor ihm schreiben wollten, geschrieben haben, an ihm gescheitert sind. Ich kenne es, dieses Buch, und es erinnert mich an etwas, das ich längst verdrängt habe, an das Leiden, ein Kind zu sein, erwachsen zu werden und dabei die Eltern - die schon erwachsen sind - zu verlieren, man verliert sie, wenn man auf sie zuwächst. Das Schlüsselwort der Geschichte heisst Rückkehr, Rückkehr auch in eine Jugend, in das erinnerte - und insofern fiktive - Tagebuch einer Jugend, Rückkehr auch in ein land der Herkunft. Auch wenn ich für mich selbst kein solches land benennen könnte, ist es trotzdem meine eigene Geschichte. Supinos Eltern sind Italiener. Die Schwierigkeiten mit der Sehnsucht haben für ihn einen Namen: Italien. Franco Supino ist einer jener vielen - typischen - Schweizer, deren Eltern Italiener sind. (Meine Eltern waren damals auch andere, sie kamen aus Huttwil und Dagmersellen und nicht aus Olten.) «Musica leggera» ist die einfachste und ernsteste Liebesgeschichte der Welt, jene Liebesgeschichte, die auch die unsere war. Ich kenne dieses Buch schon lange, ich hatte nur noch nie die Gelegenheit, es zu lesen, weil wir alle den Mut nicht hatten, das ganz Einfache einfach so zu schreiben.
Das macht das Buch auf einer zweiten Ebene schwierig - es wird geduldige Leser brauchen, Leser, die die Geduld aufbringen, zurückzukehren - oder wie Ernst Bloch sagte: Zurückzukehren in das Land, wo noch niemand war: Heimat.

Peter Bichsel