Musikalische Biographie
Franco Supinos Erstling" Musica leggera"


Der Deutsche ißt am liebsten beim Italiener. Denn dort entführen ihn Pasta, Pizza und Paola Conte auf eine malerische Piazza ohne Taubendreck und Touristennepp.
Franco Supinos Erstlingsroman Musica leggera erzählt von solchen Entführungen: Hier geschehen sie in den Köpfen jener, für die Italien geträumte Heimat ist, eine Fata Morgana aus Liedern.und Familienmythen. Die Musica leggera der späten 70er und frühen 80er bebildert Heimatsuche und Heimsuchungen einer "seconda generazione" italienischer Einwanderer im jurassischen Kleinstadtmilieu. "So sehe ich mich hin und her pendeln, damals zwischen den Ansprüchen der Eltern und den eigenen, zwischen Maria und. Katrin, zwischen der Schweiz und Italien."
Nur in den lutschersüßen Liedern der zeitgenössischen Cantoutori liegen Wirklichkeit und Freiheit beieinander, lebt es sich ohne Entscheidungsdruck. An 25 Liedtexten hangelt sich der Ich-Erzähler durch seine Kindheit und Jugend als Italo-Schweizer. "Mein Leben ist die Folge von Szenen, die in mir wach werden, wenn ich diese Musik höre. Was entsteht, nenne ich meine Erinnerung."
Die Wege zur Selbstfindung, zur Sexualität und zu den Sommernachtsträumen einer ganzen Generation spielt der Erzähler in seine musikalische Biographie ein. Maria beispielsweise, seine erste Liebe, ist eine Frau, die mit althergebrachten Rollen bricht und bei ihren Eltern auszieht, nur um einige Jahre später in die unbekannte Heimat Italien zurückzukehren - "und jetzt, wie stehe ich da, vor meiner Mutter? Maria hat's geschafft, und ich bin ein Versager."
Heimweh und Fernweh, pubertäre Identitätskrisen und sentimentale Ergüsse schrieben ein ungenießbares Buch, behielt dieses nicht immer den Ton der Musica leggera, wäre es nicht gewürzt mit politisch-soziologischen Seitenhieben und selbstrefIexiver Ironie, die den LiteraturwissenschaftIer verrät. In Supinos leichter Musik mischen sich locker Deutsch und Italienisch, Sprachen und Wahrnehmungsweisen, Weltschmerz und Leiden an Lokalpolitik, Kitsch und Kritik. "Ich muß gleichzeitig mehreres' sehen, die Musik hören, simultanübersetzen, die Untertitel setzen, ans Ende und von dort aus wieder an den Anfang denken und dabei den Anspruch haben, zu verstehen."
ALEXANDRA KEDVES
Franco Supino: "Musica leggera".
Rotpunktverlag, Zürich. 176 Sei
ten. 32 DM.