Elsbeth Pulver Reformation
20. Dezember
Dass ich, kaum hatte Herr Pace uns verlassen, den Erstlingsroman «Musica Leg-
gera» von Franco Supino las, ist natürlich ein reiner Zufall. Unwahrscheinlich,
dass unser Maurer diesen" Roman je liest, und keinesfalls sicher, dass auch er
die Musica leggera, die Lieder der Cantautori liebt, die dem Roman seines jungen
Landsmanns den Titel geben.
Franco Supino ist mir vor einigen Jahren bei einem literarischen Wettbewerb
aufgefallen (da hatte er wohl gerade die Matura gemacht), aber nicht, weil mit
ihm, damals noch ungewöhnlich, einer der Zweiten Generation zu schreiben Anfing;
das beachtete ich kaum,
Was mich damals an seinem gewiss noch nicht druckreifen Wettbewerbstext
beeindruckte, war die Konsequenz, mit der dieser noch sehr junge Mensch alle
Klischees (sie sind auch in der Literatur häufiger, als man glaubt) vermied.
Offensichtlich ist auch ihm etwas von jenem «Schrecken, vor der Phrase» eigen,
den Widmann einmal am jungen Walser feststellte. Erklärt das. warum sein erster
Roman, der nun druckreif und gedruckt daliegt, mir von Anfang an nahe und
vertraut war? Oder - Peter Bichsel deutet es im Klappentext an - sind die darin
beschriebenen Erfahrungen von Fremdsein und Zuhausesein, von Dazwischenstehen
und Schwanken eben auch denen, die als ,Einheimische aufgewachsen sind, tiefer
vertraut, als man merkt?
In der Schweiz geboren, hier eingeschult, in Berufslehren eingestiegen, zur
Matura gelangt, bald schon nicht mehr nur als Einzelfall, das ist die
Generation, der die Protagonisten des Buches angehören; die heranwachsenden und
dann erwachsenen Kinder von jenen, die in den siebziger Jahren bei uns von
Fremd- zu Gastarbeitern avancierten (die Sprache ist bekanntlich geduldig). Aber
das Buch ist weder eine Autobiographie noch ein literarisches Dokument zum Thema
«Siamo Italiani» oder «Fremde unter uns».
Als brauchte der Autor für eigene Erfahrungen stellvertretende Figuren, stellt
er die Geschichte der Familie de Sapio ins Zentrum: die in den sechziger Jahren
in die Schweiz kam und irgendeinmal- zum Beispiel in den siebziger Jahren - auch
wieder zurück nach Italien wollte. Wäre da nicht der älteste Sohn Enzo gewesen,
der, Vorzeigeitaliener im Gymnasium, gegen die elterlichen Pläne protestierte:
Und er hatte schliesslich Erfolg; die Eltern blieben, den Kindern zuliebe, damit
diese sich ausbilden, aufsteigen, sich integrieren konnten in dem Land, in dem
sie, die Kinder, ,sich vorläufig zu Hause glaubten, während die Eltern wohl für
immer Fremde blieben.. Enzo. der Pionier, schaffte es tatsächlich: das Studium,
Beruf, die Familiengründung. die Integration. Die jüngeren Kinder, die schöne
Maria de Sapio und der etwa gleichaltrige Icherzähler, entwickelten sich im
Windschatten Enzos - sie hatten es leichter als er, und gerade deshalb auch
schwerer. (Die Probleme der Immigration brechen erst in der zweiten Generation
auf - wer Kluges hat das gesagt? Ich weiss es nicht mehr.) Ihnen wird das
Dazwischenstehen, die Unbehaustheit schmerzhaft bewusst vor allem dem
Icherzähler, diesem Kompliziertesten von allen, der, kein Zweifel, dem Autor
gleicht. Er begreift und akzeptiert den Zwiespalt, das Einerseits-Andrerseits,
als etwas Unausweichliches. Dass Maria nach Italien zurückkehren will, empfindet
er als Verrat. Verrat, woran? An seinem eigenen Entschluss, das Dazwischenstehen
auszuhalten und in seiner Jurasudfußstadt zu bleiben? Das Gespräch, in dem die
beiden voneinander Abschied nehmen, gehört zu den schönsten Liebesgesprächen,
die ich in letzter Zeit gelesen habe - gerade weil die beiden nie ein
richtiges Liebespaar sein könnten, dazu sind sie sich zu nahe. Desto mehr
brauchen sie, beide, die Musica leggera, die Lieder der Cantautori, als Ausdruck
einer unbestimmten, als unerfüllbar begriffenen Sehnsucht.
Das ist eine Geschichte, die sich ereignen könnte, sich, so oder anders,
ereignet hat. Und die zugleich - und das macht den Reiz des Buches aus - vom
Icherzähler unter den Augen der Lesenden erfunden wird. Der Roman liest sich
ganz leicht, ist aber raffiniert gemacht, raffiniert einf.1ch eben. Vielleicht
könnte man ihn mit einem Trompe l'oeil vergleichen: Man liest, als begegnete man
der blanken Realität - und merkt immer wieder, verblüfft und entzückt: die
Figuren sind „nur“ gemalt, die Geschichte „nur“ erzählt. Überaus reizvoll.