DIE SCHWEIZ REICHT LÄNGST BIS NEAPEL
Beat Sterchi
Maria ist hübsch. Maria ist der Liebling der Lehrer. Maria ist
die Vorzeigeitalienerin auf einem Gymnasium am Jura-Südfuss. Maria hat einen
Freund und einen geheimen Verehrer. Der erste Roman von Franco Supino - «Musica
leggera» - ist eigentlich ein Konzert für Maria. Eine Nacht lang spielt der
Erzähler jene italienischen Platten ab, die seine Phantasien und seine
Sehnsüchte genährt, aber auch sein Bewusstsein und seine kulturelle Identität
geprägt haben. Es wird ein schönes Konzert. Die Lieder lösen Erinnerungen aus,
sie geben
Stimmungen wieder und spiegeln, kontrastieren. und ergänzen die erzählte
Liebesgeschichte.
Bekanntlich ist beim Schreiben nichts schwerer zu erzeugen als Leichtigkeit.
Supino schafft es, das Milieu der Gastarbeiterkinder in spielerisch-leichtem Ton
zu schildern, ein Milieu, das sonst eher in trockenen akademischen
Untersuchungen verstaubt. Ohne je in die Opferrolle zu schlüpfen, erzählt er mit
Humor und charmanter Selbstironie: Beispielsweise, wenn der Erzähler seine
Schweizer Freundin vergisst und wegen Maria den Italiener markiert: «Ich behänge
mich mit allem je - von der Taufe bis zur Firmung - erhaltenen Goldschmuck.
T-Shirts sind out, seit ich meine Haare auf der Brust entdeckt habe. Am
Bahnhofkiosk kaufe ich mir eine italienische Zeitung, am liebsten die I'Unita,
nicht um sie zu lesen, sondern um mit der Zeitung unter dem Arm geklemmt durch
die Stadt zu flanieren.»
Sowohl technisch wie thematisch ist «Musica leggera» ein äusserst moderner
Roman. Supino will den LeserInnen nie weismachen, dass hier ein allwissender
Erzähler am Werk ist. Vielmehr steigt er ein und aus, erzählt mit
unterschiedlicher Distanz zum Geschehen, macht dieses durchsichtig, ohne zu
zaubern. Er probiert Haltungen aus, reflektiert über seine Geschichte, nimmt die
Handlung manchmal wie im Labor vorweg, um sie nachher noch einmal «geschehen zu
lassen».
Scheinbar absichtslos gestaltet Supino aber auch eine Geschichte, die durch
ihren Handlungsraum in zwei Kulturen genau das ist, was man einen europäischen
Roman nennt. Er zeigt nämlich jene moderne Schweiz, vielsprachig und
multikulturell, die längst europäischer ist als ihre politischen Strukturen. Die
Schweiz in «Musica leggera» reicht längst bis Neapel.
Schweizerischer Feuilletondienst (erschienen in verschiedenen Zeitungen) und
WOZ Mai 1996