FRANCO SUPINO / Ein junger
italienisch-schweizerischer Autor und sein erstes Buch
Beeindruckendes «Konzert für Maria»
BARBARA PlATTI
Ungewöhnlich ist bereits die «Introduzione», die Franco Supino seinem Erstling
voranstellt und in der er erklärt, dass es die Musik ist, die ihm, dem
Unbeständigen, Leben und Lebendigkeit schenkt. Gemeint ist die titelgebende
«Musica leggera», sind die Lieder der Cantautori, unter ihnen Lucio Dalla, Pi no
Daniele, Gianna Nannini. Diese Musik wird zum Leitfaden, zum Leitmotiv durch
eine Liebesgeschichte, die nie eine war, doch deren Zauber ungebrochen ist.
Während einer Nacht stellt der Ich-Erzähler Lieder zusammen, gruppiert sie zu
vier «Dischi» und arrangiert die «Canzoni» in wohldurchdachter Reihenfolge. Die
Abfolge der Musik wird zur Struktur des Romans: «Es wird ein Konzert für Maria.
Mein Leben ist eine Folge von Szenen, die in mir wach werden, wenn ich diese
Musik höre. Ohne Musik erginge es mir wie einem, der im Kino statt Untertitel
Lückentexte läse und auf eine schwarze Leinwand starrte. Die Lieder erwecken
Bilder, und die Lücken im Text füllen sich mit Sinn. Was entsteht, nenne ich
meine Erinnerung.» -
Was der einsame Musikliebhaber da heraufbeschwört, ist nicht einmal so sehr
die konkrete Erinnerung an eine konkrete Geschichte, es ist vielmehr, und das
ist das Faszinierende an diesem Roman, das vorsichtige Wiederaufbauen einer ganz
spezifischen Gefühlswelt, die wir allenfalls erahnen können. Die Klänge dieser
Nacht sind den Empfindungen, der Orientierungslosigkeit und der Zerrissenheit
der seconda generazione ge-widmet, den Kindern italienischer Arbeiter, die,
anders als ihre Eltern, in der Schweiz zwar Wurzeln gefasst haben, aber denen
das Wort Heimat paradoxerweise fremd in den Ohren klingen muss, egal, ob es sich
auf das Land im Norden oder das im Süden bezieht.
Marias Geschichte und die des (stark autobiographisch) erzählenden Ichs beginnt
in einem Schweizer Jurastädtchen. Maria, 16, ist eine «Quartierschönheit»,
gleichermassen umschwärmt von den «ragazzi» wie von den jungen Schweizern.
Markus trägt den Sieg davon, mit ihm wird sie Jahre ihres Lebens verbringen, um
den Preis, dass sie mit der 'Itadition und mit den Eltern bricht. Aber da ist
auch noch der andere, parallele Strang der Geschichte, der von der Beziehung
zwischen Maria und dem Ich erzählt, eine Beziehung, in der Intimität und
Vertrautheit mit kühler Distanz unddem Gefühl, sich nichts zu sagen zu haben,
wechseln, in der erotisches Prickeln allein in der Phantasie aufkommt Es ist
eben nur „fast“ etwas wie eine Liebesgeschichte», und der Abschied der bei den
inzwischen Dreissigjährigen, nach einem Abend mit Wein und Musik, aber ohne
Liebe, ist vielleicht endgültig in der Realität, nicht aber in den Gedanken:
. «Das mit Maria ist senza fine, solange es mich gibt. Es ist Nostalgie, die um
Jahre vorausweist, bis sie Nahrung findet.» '
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Supinos von Canzoni-Texten durchsetzte Prosa, die auf den ersten Blick so
einfach und ehrlich wirkt, zeichnet sich durch höchste Raffinesse aus. Bald
schon verschwimmen die Grenzen, zwischen dem, was wirklich geschah, dem, was
dazugedichtet und erträumt wird, dem, was möglich gewesen wäre, und dem, was, in
Worten nur andeutbar, in der Musik seinen Ausdruck findet. Franco Supino ist ein
auf allen Ebenen ausserordentlicher, Romanerstling gelungen.
Franco Supino: «Musica leggera». Rotpunktverlag, Zürich. 176 Seiten. Fr. 32.-.
Zusammen mit Andrea Simmen und Urs Richle liest Franco Supino am 30. Januar im
Cafe Litteraire der Buchhandlung Stauffacher aus seinem Werk.