8 UNiKUM 47, Dezember 1995 *
Frisch ab Presse


Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich von Maria spreche, ich möchte nicht, dass es etwas Persönliches wird, und auch nicht eine Liebesgeschichte, es gehört sich nicht, singt Giorgio Gaber, spät in der Nacht, in einer fremden Wohnung. Der, der da sitzt und der Musik zuhört, will aber von Maria sprechen: Und gar nicht erst um Entschuldigung bitten. Denn Maria ist das Sinnbild seiner Jugend in dem fremden und doch eigenen land, in das er geboren wurde, und aus dem seine Eltern nicht stammen. Sohn süditalienischer Eltern in einer kleinen Stadt im schweizerischen
Mittelland, hin-und hergerissen zwi
schen zwei Sprachen und zwei Welten, die zusammenzubringen genauso unmöglich ist, wie die eine zu vergessen. Der dreissigjährige Franco Supino ist in Solothurn aufgewachsen, er schreibt von seiner Jugend, dem Aufwachsen in dem Haus neben den Bahngeleisen im «Italiener-Quartier». Er schreibt von seiner Liebe, der Suche nach sich selbst und seiner Heimat. Und er schreibt von der Sehnsucht, die anders als für seine Eltern für ihn den gleichen Namen trägt: Italien. Die Heimat, die nur eine ist, solange er nicht dort lebt. Italien, der Traum, der beim Ankommen am Bahnhof in Neapel zerfliesst und eine schale leere hinterlässt. Er erzählt seine eigene Geschichte. «Wenn ich von Maria sprechen könnte, wenn ich wirklich ihre Existenz verstünde, hätte ich die Wirklichkeit genau verstanden.» Franco Supino kann von Maria sprechen. Sie ist es, in die sich alle' Jungen verlieben, Italiener wie Schweizer, das hübscheste und begehrteste Mädchen im ganzen Quqrtier. Auch der Icherzähler Franco verliebt sich in Maria und wird von ihr nicht wahrgenommen. Er gibt ihr Nachhilfestunden, kommt ihr näher und niemals nahe genug. Sie beherrscht seine Träume und Gedanken, aber sie verliebt sich in einen andern, einen Schweizer. Markus begleitet sie durch die Schulzeit und in der Ausbildung und bei den harten Kämpfen um die Unabhängigkeit gegenüber seinen Eltern, welche alleine und in der Fremde noch traditioneller, konservativer und patriarchalischer auftreten. Franco erzählt in der Geschichte von Markus und Maria die seine: diejenige des jungen Fremden, der so oft belogen wird, dem so lange beigebracht wird, was ein Ausländer ist, und 'dem dann, als er sich als solcher darstellt und viel'leicht sogar zu fühlen beinnt, die Existenzberechtigung aberkannt wird. ,Er schaut Maria und Markus zu, wie sie
, scheitern müssen zwischen den Welten.
Maria zieht von Zuhause au~, legt sich mit ihrem Vater an, wohnt mit Markus, der nun als Journalist arbeitet, zusam
men in der Grosstadt, in Zürich, träumt von der Matura und einer höheren Ausbildung. Dann nimmt sie Markus im Sommer mit nach Hause, nach,ltalien. Und lässt ihn' dort begreifen, wie es ist, in einer Welt leben zu müssen, in die man zwar aufgenommen, aber niemals geboren sein wird, die man nie ganz verstehen kann. Markus reist ab, kehrt vor Maria in die Schweiz zurück. Aber Franco kann nicht triumphieren, er kennt diese schmerzliche Zerissenheit. Er will nicht zurück, will in dieser Schweiz bleiben, die er sich nicht ausgewählt hat. Aber nicht alle überstehen den Kampf auf der Suche nach Heimat und Identität heil: Maria schafft es nicht. Sie gibt auf, geht. Zurück nach Italien, um dort zu leben, und lässt Franco in der Fremde im Stich. Es kann nicht anders als ein Verrat sein.«Franco Supino hat ein Buch geschrieben, das schon Hunderte vor ihm schreiben wollten, geschrieben haben, an ihm
gescheitert sind,» schreibt Lokalmentor Peter Bichsel im Vorwort des Romanerstlings des jungen Solothurners. «Es ist die einfachste und ernsteste Liebesgeschichte der Welt, die auch die unsere war.» Die Geschichte der Liebe zum Leben und zu den Menschen rundum, mit denen man aufwächst. Ein wunderbares Buch, ein manchmal verzweifeltes und ein schwieriges - genauso schwierig wie das Unterfangen, das es anstrebt: «Zurückzukehren in das land, wo noch niemand war: Heimat:»
Diese Heimat ist für Franco und Maria nicht zuletzt die Musik, die Musica Legera der italienischen Cantautori. Mit der Musik erzählt Franco auch seine' Geschichte, in denienigen Liedern, die ihm am wichtigsten waren.. Er erkennt sich - wie viele andere Jugendliche der seconda generazione - in den Liedertexten wieder, die es ihnen möglich machen, der Entscheidung für eine der bei den 'Welten immer wieder zu entfliehen. Ein Lied erzählt oft mehr über das Leben, führt einem die Vergangenheit oft unmittelbarer und deuticher vor Augen und erklärt eine Epoche oft besser als ein ganzes Soziologietraktat. Franco, Maria und ihre Freunde leben in der Welt der Cantautori, versuchen mit Hilfe der Musik, in der neuen Wirklichkeit zu sich selbst zu finden. Buongiorno Italia, Buongiorno Maria. E Buongiorno Svizzera!

Anna Schindler

Franco Supino: Musica leggera. Rotpunktverlag, 1995.