Nur Märchen kennen den richtigen Weg
LITERATUR - Unter dem Titel «Die Schöne der Welt oder Der: Weg zurück» ist nach „Musica leggera“ (1995) vor kurzem der zweite Roman des 1965 in Solothurn geborenen italienisch-schweizerischen Schriftstellers Franco Supino erschienen.
CHARLES CORNU
Man müsste leben können, meint Massimo lovine, wie die behinderten Kinder (die er eine Zeitlangchauffiert hat): Ihnen komme, solange sie etwas wahrnähmen, alles schön vor, zerbrochene Steine, verwelkte Blätter, Glasscherben, Plastiksplitter. «Nicht bloss das Beste sollte uns gefallen; auch das Gute. Und alles.» Anders stellt sich sein Altersgenosse Fausto Anzalone das Leben, vor. «Jeder Mensch sucht den Ort, wo nichts sich verändert. Das ist Heimat. Ich werde immer hier bleiben wollen. Mein ganzes bisheriges Leben hatte ich damit verbracht, mir diese Gnade zu sichern.»
Zwei Schicksale
Massimo - Fausto: Zwei junge Männer süditalienischer Abkunft, zwei Schicksale, und zwar solche mit vergleichbaren Anfänge; dann und wann kreuzen sich später ihre Wege, doch schließlich laufen diese mehr und mehr auseinander. Beide sind sie in der Deutschschweiz geboren als Kinder italienischer Fremdarbeiterpaare. Während Massimos Eltern immer das Ziel vor Augen behalten haben, baldmöglichst in die Heimat zurückzukehren, deswegen ihren Sohn mit zwölf aus der Schule nehmen und ihn in ein Internat nahe der Grenze stecken (ein «Abgestellten> ist er dort fortan) in der Tat nach einigen Jahren sich eine Existenz aufbauen im Dorf ihres Herkommens, bleiben Faustos Eltern in der Schweiz, nicht zuletzt deshalb; weil Fausto bald eine höhere Schule zu besuchen vermag, sodann studiert und schließlich Rechtsanwalt wird in der Stadt, wo er geboren und aufgewachsen ist.
Faustos Werdegang zeigt auffällige Parallelen zu jenem des Autors: Franco Supino ist 1965 Solothurn als Kind italienisch Eltern zur Welt gekommen. Er hat Germanistik und Romanistik studiert und unterrichtet heute am Lehrerseminar Solothurn. «Die Schöne der Welt oder Der Weg zurück» ist sein zweiter - deutsch geschriebener - Roman nach der von Musik getragenen Liebesgeschichte «Musica leggera».
Massimo hat das schwierige Los gezogen als Fausto. Er ist wurzellos geblieben; in der Schweiz haben ihn die Eltern nicht heimisch werden lassen, und in ltalien kann er die ebenfalls nicht mehr werden. Zurückgekehrt mit den Eltern, ein junger Mann jetzt, verfällt er in eine fast krankhafte Lethargie; das Geschäft, das der Vater aufgebaut hat, mag er nicht übernehmen, ein eigenes Ziel kennt er nicht. Die Wiederbegegnung mit dem Jugendgespielen Fausto - ein Familienfest hat diesen für ein paar Tage ins Dorf gebracht - erweckt ihn immerhin zu einer gewissen, fatalistisch zu nennenden Aktivität. Es folgen bescheidene; berufliche Tätigkeiten erst in Florenz, dann in Zürich; schliesslich wird er Chauffeur eines Behindertenheims in seiner Geburtsstadt, wo Fausto nach wie vor lebt. Die Freundschaft mit einer. jungen Schweizer Lehrerin. (die mit einem Architekten liiert ist) scheint seinem Leben eine Wende zu geben und Aufschwung zu verleihen. Doch die Beziehung ist nicht nur nicht von Dauer, sie endet sogar ganz abrupt und definitiv mit dem. Tod der jungen Frau (die kurz zuvor zu ihrem Architekten zurückgekehrt ist). Massimo lässt sich ziellos wieder nach Italien treiben; er sei jetzt, heisst es; Kassier an einem «Autogrill» bei Mailand. .
Fausto ist der gerade, der «schweizerische» Weg zugedacht. Studium, Arbeit, feste Freundin. Sicher werden bald Heirat und eigenes Haus folgen - Dauer eben und Unveränderlichkeit werden angestrebt. Gäbe es überhaupt andere, die «richtigen» Wege für die zwei, Wege, die quasi zum garantierten Glück führen? Wohl kaum, solche kennen nur die Märchen, die die italienische Nonna den beiden Buben einst erzählt hat. Massimo gelangt immerhin, trotz Melancholie, Trauer, Missgeschick und Unglück, zu einer Vorstellung des ihm angemessenen Daseins. Nicht begreifen und nicht rechtfertigen wolle er das Leben, aber annehmen möchte er es, wie's ist, und: «... jeder Tag ergäbe sich von selber bis an ein nahes oder fernes Ende.»
Erzählerische Leichtigkeit
Franco Supino ist nicht der erste Italo-Schweizer, der die besonderen Konflikte, Gestimmtheiten und Verstörungen seiner, der zweiten Einwanderergeneration zum Thema einer Erzählung macht (man denke an den «Berner» Francesco Micieli, an den «Zürcher» Dante Andrea Franzetti). In seinem Roman«Die Schöne der Welt oder Der Weg zurück» tut er dies indessen auf durchaus eigene Weise: unaufdringlich, keineswegs anklägerisch oder rechthaberisch, sondern im Gegenteil abwägend und nüanciert, Licht und Schatten mit Bedacht verteilend, indem er Ereignisse und Verhaltensweisen für sich selber sprechen lässt. Die Charaktere - nicht nur die der bei den Protagonisten, sondern auch. jene der Leute, die ihr familiäres und soziales Umfeld ausmachen - zeichnet er differenziert, die Atmosphäre kleinstädtischer Geselligkeiten schildert er verständnisvoll. Supinos Roman verfügt über eine Art erzählerischer Leichtigkeit und Unforciertheit, die den Leser zwanglos mitnimmt; erst am Ende merkt dieser so richtig, wie sehr Fausto und Massimo auch Teile seiner- selbst geworden sind und ihn beschäftigen.
Franco Supino: «Die Schöne der Welt oder Der \ Weg zurück. Roman». Verlag Nagel & Kimche. Frauenfeld Zürich. 192 Seiten. Fr. 36.80