Zurück - aber wohin?
Franco Supinos Roman «Die Schöne der Welt»
Ausbildung, um derentwillen er den Vater zum
Er weiß eine Geschichte zu erzählen, leicht, als
. wäre dies ein ganz einfaches Geschäft; er hat ein Ohr für Dialoge, ohne diese
kopieren zu wollen; und die Konstruktion seiner Geschichte bleibt raffiniert
versteckt. Die Rede ist von Franco Supino und seinem zweiten Roman, «Die_Schöne
der Welt oder Der weg zurück». Der Titel formuliert das Thema, das schon im
ersten RomanI Supinos, «Musica leggera», eine Rolle spielte, miteiner
überraschenden Direktheit. Als wolle der Autor einmal die Frage durchspielen Ga:
spielen!), ob es den Weg zurück überhaupt gebe.
Das ist, kein Zweifel, eine Frage, die sich bei Emigranten/Immigranten hautnah
stellt: ob man zurückgehe (nach Montalto, beispielsweise), und zwar für immer,
oder ob man in der neuen Heimat bleibe, dies Bleiben gar, wie der junge Fausto,
als «Gnade» auffasse. Die Frage stellt sich für die Generation der Kinder anders
als für die der Eltern; es ist dieser Zwiespalt, der das Problem schmerzhaft,
unlösbar macht, eine Schicksalsfrage. Und Franco Supino ist der richtige Mann,
sie zu behandeln: aus einer süditalienischen Familie stammend, in einer Stadt am
Jurasüdfuss geboren, in der Schweiz integriert, ist er vertraut mit allen
Facetten der Entscheidung.
Spiegelverkehrt
Der Hinweis auf die Herkunft des Autors soll allerdings keine Festschreibung
bedeuten; Supino ist kein Porträtist der ltalianitä in der Schweiz. Er schreibt
zwar über den ihm eigenen Erfahrungsstoff; aber das heisst nichts anderes, als
dass er, wie jeder Autor, anhand der Materialien, die ihm vertraut sind, die
grossen Lebensfragen stellt. Und schon in diesem Buch wird klar, dass er
schreibend über die ihm eigene und nahe Thematik hinaus will. Ein grosser Teil
des Buches spielt in Solothurn, in einer Sonderschule; dort unterrichtet Isa,
eine junge Schweizerin aus bestem Haus: sie ist die weibliche Hauptfigur.
Die männlichen Hauptfiguren sind italienischer Herkunft: Massimo und Fausto. Um
ihre Person, um die Geschichte ihrer Familie herum entwickelt der Autor zwei
Varianten der Entscheidung. Die eine Familie geht zurück nach Montalto; dem
Vater glückt, was dort an Aufstieg möglich ist; auf der Strecke bleibt der Sohn,
Massimo; auf eine ihm unerträgliche Art neu festgelegt, versinkt er in eine
tiefe Depression, aus der er sich nie mehr
. ganz löst. Die andere Familie bleibt in der Schweiz; der Vater verharrt auf
seinem Posten als Schichtarbeiter. Der Sohn aber erwirbt sich die Ausbildung, um
derentwillen er den Vater zum Bleiben veranlasste, ja zwang; er schafft seinen
Aufstieg als Rechtsanwalt. Zwei Schicksale, spiegelverkehrt; das Ganze bewusst
als ein Konstrukt angelegt, dessen Verstrebungen tief in der Geschichte
verborgen sind. .
Und Fausto, der Erfolgreiche, Ausgeglichene, weiss: das Geschick Massimos hätte,
bei anderem Entscheid des Vaters, auch das seine werden können. So eng gehören
die beiden jungen Männer zusammen; der eine die komplementäre Ergänzung des
anderen. Man könnte sogar ihre Namen vertauschen; erst so passen diese zu ihrem
Charakter. Denn eigentlich hat nicht Fausto, sondern Massimo etwas
«Faustisches», Unruhig-Suchendes an sich; er fragt unablässig nach den eigenen
Wurzeln, nach dem Lebenssinn, dem Wesen der Schönheit; er ist es, der nirgends
sesshaft werden kann. Wie die weibliche Hauptfigur, die Schweizerin Isa, die in
ihm den ihr nächsten Menschen findet, sucht er den Weg zurück, aber nicht
einfach nach Montalto. Und es ist nicht nur die Tücke eines Verkehrsunfalls, der
die liebenden daran hindert, aufzubrechen.
Zerbrochene Steine
Heisst «zurück» ganz einfach: zurück ins Paradies, in einen Zustand vor allen
gesellschaftlichen Verrenkungen? Oder ist die Welt der Schönheit als'
Sehnsuchtsort gemeint, die Massimo einmal in Florenz entdeckte? So einfach, so
plakativ ist es nicht. Durch die Stimme des Autodidakten Massimo setzt der Autor
solche Heilserwartungen ausser Kraft. Nicht die Schönheit, nicht die Perfektion
- begreift Massimo, dieser Schwierige kann das Ziel sein. Sondern vielleicht
eine Fähigkeit, die an den behinderten Kindern der Sonderschule zu beobachten
ist: «Ihnen komme, solange sie etwas wahrnähmen, alles schön vor: zerbrochene
Steine, verwelkte Blätter, Glasscherben, Plasticsplitter. Nicht bloss das Beste
solle uns gefallen; auch das Gute. Und alles.» Aber zu diesem Zustand eines
umfassenden Wohlgefallens gelangt so leicht kein Erwachsener.
Elsbeth Pu/ver
Franco Supino: Die Schöne der Welt oder Der Weg zurOck. Nagel und Kimche, Zürich
1997. 190 S., Fr. 29.80.