Roman Bucheli, NZZ, Juni 1999
Franco Supinos Roman «Der Gesang der Blinden»
Die Bilanz des Protagonisten am Schluss von Franco Supinos Roman «Der Gesang der Blinden» ist niederschmetternd: «Wahrscheinlich hätte es nicht sein müssen», dachte Berger. Berger, der erste stellvertretende Untersuchungsrichter einer Schweizer Kleinstadt, meint damit seine Reise nach Afrika, die er nur vorgeblich aus privatem Anlass unternahm, die aber insgeheim eine inoffizielle und ausserdem ungesetzliche Dienstreise war. Mag das Ergebnis der Reise ein Debakel sein, so bleiben anderseits die Motive für Bergers überraschende Abenteuerlust ein Rätsel. Zwar träumte Berger seit langem von einer Afrikareise, doch ohne je ernsthaft zur Tat zu schreiten. Auch die Gelegenheit zum Ausbruch aus Alltags- und Familienleben fällt bei Bergers notorischer Selbstzufriedenheit als Motiv ausser Betracht.
Bleibt die Jagd nach dem flüchtigen Lehrer und Mädchenverführer Hartmeier, gegen den Berger demnächst Anklage erheben soll und den er in Simbabwe aufzuspüren hofft. Doch auch für diese illegale Mission bleiben die Gründe im dunkeln. Denn sein Ehrgeiz, allen einmal zeigen zu wollen, was für ein Kerl er ist, erlahmt sehr schnell. Schliesslich vermag auch die Sorge um seine Tochter, die er vor Leuten wie Hartmeier beschützen möchte, Bergers dreiwöchige Afrikareise nicht hinreichend zu begründen. Irritierend dagegen ist eine augenfällige Häufung von Lolita-Figuren, die der Autor in Bergers Umfeld auftreten lässt und die dessen Aufmerksamkeit erregen, so dass zuletzt der Argwohn entstehen muss, Berger könnte aus heimlicher Bewunderung für den dandyhaften Hartmeier diesen bis nach Afrika verfolgen. Und da der Erzähler bereits zu Beginn mit grossem und umständlichem erzählerischem Aufwand die Ungesetzlichkeit von Bergers undeklarierter Dienstreise herausstreicht, signalisiert er den Lesern schon früh mit dem Zaunpfahl, Bergers Ausflug werde kein gutes Ende nehmen.
So könnte man den Spiess umdrehen und danach fragen, was den Autor dazu bewogen haben mag, seine Figur auf diese ebenso strapaziöse wie vergebliche Dienstreise ins Abseits zu schicken. Um so mehr als uns der Erzähler über weite Passagen mit den Schilderungen dessen hinhält, was Berger in Simbabwe zwischen Harare und Victoria Falls für bemerkenswert hält: etwas afrikanische Folklore, Sonnenauf- und -untergänge, stoisch an Bushaltestellen wartende Afrikaner oder wandelnde Karikaturen bildungsbeflissener deutscher Touristen. Berger sieht, was ihn sein Erzähler sehen lässt – und das ist freilich nicht mehr, als was man schon immer zu wissen geglaubt hatte. Unter anderem fällt ihm auf, dass die im Hotelrestaurant bedienenden Kellner die weissen Handschuhe «an den Händen» tragen. Muss einer um solcher Einsichten willen tatsächlich bis nach Afrika reisen? Man wird nach rund hundertsiebzig Seiten, die einen nicht sonderlich langweilten, aber auch nie für Bergers Geschichte zu interessieren vermochten, seinem Fazit ohne zu zögern beipflichten: «Wahrscheinlich hätte es nicht sein müssen.»
Roman Bucheli