Geglückter Sprung nach Afrika
Franco Supino ist mit Romanen über die Gastarbeiterkinder - der «seconda
generazione» - bekannt geworden. Jetzt wagt er den Sprung nach Afrika und landet
literarisch wieder auf sicheren Füssen.
Beat Sterchi sfd
Der Justizbeamte Berger bekommt zu seinem vierzigsten Geburtstag von seiner Frau
eine Reise nach Afrika geschenkt. Nach Afrika wollte Berger schon immer mal,
wenn auch nicht unbedingt alleine. Aber wohin jetzt genau in Afrika? Dass die
Wahl ziemlich leidenschaftslos auf Zimbabwe fällt, hat nur vordergründig mit den
touristischen Vorzügen dieses Landes zu tun. Gleichzeitig ist es das Ziel einer
geheimen Mission, die Berger sich selbst auferlegt hat.
Lehrer vergriff sich
Ohne sich restlos klar zu sein warum, beschäftigt sich der Untersuchungsrichter
im Urlaub mit einem unaufgeklärten Fall. Hartmeier, ein Mittelstufenlehrer, soll
sich an einer Schülerin vergriffen haben. Danach hat er sich, wie Berger
herausfindet, nach Zimbabwe abgesetzt.
Bald wird offenbar, dass Berger in einer Lebenskrise steckt. Zwar bereist er auf
der Suche nach Hartmeier einen neuen Kontinent, aber unterwegs konfrontiert er
sich rückblickend mit seinen eigenen Rollen als Mann, Ehemann und Vater. Denn
der Tatverdächtige besitzt Eigenschaften, die Berger an sich selbst vermisst.
Das Angebot
Als er Hartmeier endlich findet und überführt, eröffnet ihm dieser im Gegenzug
die Möglichkeit, in Afrika zu bleiben, um ein neues Leben anzufangen. Berger
spürt die Verlockung, Familie und zivilisatorische Enge gegen Abenteuer und
Leidenschaft zu tauschen.
Berger hatte bisher geglaubt, sein Leben unter Kontrolle und seinen Alltag bis
in die Details im Griff zu haben. Unterwegs im Neuland Zimbabwe muss er sich
dagegen laufend neu orientieren und informieren. Als guter Tourist tut er dies
auch. Er liest, fotografiert, fragt, denkt nach.
Langsam dringt er in jenen schwarzen Kontinent vor, den er in sich trägt. Und
dieser übertrifft an Wirklichkeit das äussere Fernziel Afrika mitsamt seinen
Naturschönheiten und wilden Tieren. Diskret verweist Supino dabei auf die
Tradition dieses literarischen Motivs: Josef Conrads Meisterwerk «Herz der
Finsternis».
Sache mit dem Löffel
Vom Gestus der Weltliteratur schreckt Supino selbst jedoch wohlweislich zurück.
Der hohe Ton interessiert ihn nicht. Ruhig und leicht konzentriert er sich auf
das vermeintlich Kleine. Aber gerade im Darstellen des Vertrauten, des
Unspektakulären erreicht er durch eine äusserst genaue Sprache eindrückliche
Bildhaftigkeit.
Seine kurzen, plastischen Beschreibungen nebensächlicher Vorgänge beglücken und
amüsieren beim Lesen. Wie verschwindet zum Beispiel beim Essen ein Löffel im
Mund? Supino weiss es erschreckend genau.
Franco Supino, «Der Gesang der Blinden». Roman, Nagel&Kimche 1999. 175 Seiten,
Fr. 34.80