Eine Reise ins Innere

 Der Gesang der Blinden von Franco Supino

 Der dritte Roman des jungen Schweizer Autors Franco Supino spielt in einem Afrika, das verunsichert und zu Grenzüberschreitungen verführt. Man liest die Geschichte in einem Zug, und am Ende sträubt sich einem das Gefühl wie das Fell einer Katze.

 KARIN SCHNEUWLY

 «Man kann sich für seine Taten, nicht aber für seine Phantasien entschuldigen.1I Mit keinem überflüssigen Wort, in knappen Dialogen ist es Supino gelungen, diese unverfrorene Behauptung in eine Geschichte ein­zubetten, in der sie ihre Gültigkeit erlangt. Berger, ein Schweizer Familienvater. Van Beruf stellvertretender Untersuchungsrichter, erfüllt sich mit der Reise nach Afrika einen lang ersehnten Wunsch. Den wirklichen Grund seiner Reise verschweigt er jedoch seiner Familie: Berger ist auch auf der Suche nach Hartmeier, einem Lehrer aus der Schweiz, der verdächtigt wird, eine Schülerin missbraucht zu haben. Als Vertreter des Gesetzes will Berger der Gerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Aber als Familienvater muss er sich eingestehen, dass auch er die sinnliche und verwegene Wirkung junger Mädchen kennt. In nächtlichen Träumen lebt er seine sexuellen Fantasien gegenüber seiner 14jährigen Tochter aus. Weit weg von der Familie und der gewohnten Umgebung, im fernen Afrika wird sein moralisches Empfinden nun auf die Probe gestellt.

Sexuelle Fantasien

Bergers Überlegungen zu sexuellem Missbrauch und seiner eigenen Vaterrolle laufen parallel zu einer kargen Reisebeschreibung: eine verzweifelte Frau, die ihre blutende Ziege auf den Armen trägt, der Voyeurismus westlicher Touristen, oder die drei Blinden, die nach ihrem Gesang um Almosen beim Aussteigen aus dem Bus stürzen. Der Gesang ist es auch, der sirenengleich immer wieder Bergers sexuelle Fantasien anregt und seine Lebensreise irritiert. In den letzten Tagen seiner Reise trifft Berger Hartmeier in Binga, einem Örtchen am Stausee im Sambesi-Tal. Hartmeier hat sich in diesem Teil des Landes zu einem wahren Wohltäter verwandelt, eine Entwicklung, die Supino nicht ganz glaubwürdig vermittelt. In der Beschreibung des Verbrechers bleibt Supino an der Oberfläche, er wagt nur anzudeuten. Als Hartmeier Berger vorschlägt, in Binga zu bleiben und in sein Krokodilledergeschäft einzusteigen, ist dieser zunächst verunsichert. Weder mag er jetzt Hartmeier seiner gerechten Strafe zuführen, noch will er in Afrika ein neues Lehen anfangen. Auf dem Rückflug fragt sich Berger nach dem Sinn seiner Reise: «Wahrscheinlich hätte es nicht sein müssen... Hartmeier nicht, Binga nicht. Afrika überhaupt.»

Grundsätze?

Hat man unerschütterliche Grundsätze, so ist Supinos Roman nur ein ästhetischer Scherz. Hat man aber keine Grundsätze, oder sie haben sich eben etwas gelockert, wie es auch bei Berger der Fall war, als sich ihm in Afrika ein neues Leben zu öffnen begann, weckt diese einfach erzählte Geschichte sonst ruhende, blinde Gebiete der Seele. Supino hat mit fast unverschämter sprachlicher Leichtigkeit ein Buch geschrieben, das Aufsehen und Gruseln erregt man weiss ja, wie wenig es manchmal braucht, bis man sich im Bett umdreht und Fantasien Wirklichkeit geworden sind.

 Franco Supino: Der Gesang der Blinden. Nagel & Kirnche. Zürich 1999 (176 Seiten. Fr. 34.80).