Im Reich der wilden Mädchen
Lieber gut und impotent als souverän und skrupellos: Wenn der Held in Franeo
Supinos drittem Roman «Der Gesang der Blinden» zu einer Erkenntnis käme, wäre es
wohl diese.
Von Christine Lötscher
. Es gibt die einen, die sich in einem Nationalpark voller Elefanten langweilen,
weil sie an Stelle eines Autos ein ökologisches Bewusstsein mitgebracht haben.
Sie halten sich streng ans Gebot des Mittelmasses und schauen ihren
heranwachsenden Töchtern verschämt in den Ausschnitt. Und es gibt jene, die sich
kein einziges Stück Wild entgehen lassen, sich also auch einmal an einem
Teenager vergreifen - und wenn es sie die geordnete Existenz im Schweizer
Mittelland kostet. In seinem neuen Roman lässt Franco Supino die beiden
aufeinander los. Und es passiert - nichts.
Versprechen
Eigentlich eine bestechende Idee, die ganzen Klischees von der Reise zu sich
selbst, vom sanften Tourismus und vom politisch korrekten Umgang mit
erotisierenden Mädchen an der Trägheit eines Durchschnittsschweizers abprallen
zu lassen. Bleibt nur die Frage, ob Franco Supino die Afrikaklischees zu diesem
Zweck so gründlich ausbreiten muss, wie er es in seinem neuen Roman tut. Hin und
wieder sind sie unerträglich, zum Beispiel wenn der Protagonist und
Untersuchungsrichter Berger allen Ernstes die Feststellung macht, dass die
schwarzen Kinder ein Rhythmusgefühl haben, «wie er es von keinem weissen Kind
kannte». Manchmal spielt Supino aber auch mit den Klischees, und dann gelingt es
ihm zuweilen, seinen verklemmten Mittvierziger mit zarter Ironie treffend zu
charakterisieren.
Bevor es zur Begegnung kommt zwischen Berger, dessen erotische Fantasien durch
die herausbrechenden Formen seiner vierzehnjährigen Tochter ins Kraut schiessen,
und seinem Alter Ego Hartmeier, dem entlaufenen Lehrer, der. ein sexuelles
Verhältnis zu einer Schülerin hatte, lösen sich die Kategorien allmählich auf.
Der Statthalter des Rechts und des Anstands ertappt sich dabei, wie er lüstern
den Mädchen nachschielt - und wie er den draufgängerischen Hartmeier fast ein
wenig beneidet.
Das sind die starken Stellen des Buches. Doch die zunächst spannend auf einen
Showdown hin erzählte Geschichte verirrt sich zunehmend in der Innenwelt des
erotisierten Vaters, während Hartmeier zum Statisten für die. oberflächlich
krimihafte Rahmenhandlung erstarrt.
Fast ein Gleichnis
Und noch ein Versprechen bleibt uneingelöst: Die scheinbar so kunstvoll und
raffiniert angelegte zweite Ebene, das suggestive Spiel mit der Titelmetapher
vom Gesang der Blinden, scheint schliesslich ebenso im Sand zu verlaufen. Berger
sieht, wie drei Blinde singend aus einem Bus stürzen. Sie schenken ihm damit
einen glücklichen Moment, denn endlich versteht er etwas, kann er ein Bild in.
sein Wissen. einordnen: «Der Blindensturz!», denkt er. Beinahe hätte er es
getroffen. Doch was er sieht, ist Pieter Breughels «Gleichnis von den Blinden»
auf Afrikanisch. «Der Blindensturz» - das ist der Name einer Erzählung von Gert
Hofmann, in der es um die Entstehung von Breughels Bild geht. Der Bezug der
Parabel zu Bergers Geschichte verspricht von Zeit zu Zeit. aufzuleuchten, bleibt
aber undeutlich.
Am Schluss hofft man dennoch, dass Berger endlich doch noch etwas passiert. Doch
auch das Flugzeug verpasst er nur beinahe.
Franco Supino: Der Gesang der Blinden. Verlag Nagel & Kimche, Zürich 1999.